NRZ Bericht vom 14.07.2011

Serie: „Kreuz und Quer“ Hier steht die Kirche noch mitten im Dorf

Wesel. Das evangelische Gotteshaus in Bislich grenzt direkt an eine Kegelbahn. Der Begriff „Dorfkirche“ könnte hier erfunden worden sein...

 

 

Die evangelische Kirche in Wesel-Bislich. Sie steht mitten im Dorf. Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Wesel, 13.07.2011, Petra Herzog

Von der Bislicher St. Johannes-Kirche zur evangelischen Kirche sind es nur wenige Schritte, doch es liegen Welten dazwischen. Während das Gotteshaus direkt am Deich mit seinen Gewölben, seinem Altar und den vielen Heiligenfiguren und Engeln eine Menge fürs Auge bietet, besticht die evangelische Kirche direkt an der Dorfstraße durch ihre Schlichtheit. Das gilt allerdings nicht für die Außenansicht, die mit dem für den Niederrhein außergewöhnlichen Glockenturm in Zwiebelform die Silhouette Bislichs prägt. Hier ist die Kirche tatsächlich noch mitten im Dorf, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kegelbahn, die zum Gasthaus Bislicher Hof gehört.

Annemarie Beuchelt kennt die Kirche seit Kindertagen und weiß gar nicht, ob nebenan tatsächlich noch gekegelt wird. Die Küsterin, die dieses Amt zusammen mit ihrem Ehemann Christian ausübt, kennt sich besser in dem Sakralgebäude aus. Die gebürtige Bergerfurtherin, deren Vater noch zu Fuß zum Kirchgang kam, nutzte in Kindertagen das Fahrrad für die fünf Kilometer lange Strecke, die sie auch zur Dorfschule zurücklegen musste.

1570: Erstes Abendmahl unter beiderlei Gestalt

Doch die Zeiten ändern sich. Nicht nur, dass nun Busse fahren, die Kirchenbänke werden - wie überall - immer leerer. 120 Menschen hätten in dem kleinen Gotteshaus Platz, wenn zusätzlich Stühle aufgestellt sind und die Orgelempore mit genutzt wird. So viel Betrieb herrscht in der schlichten reformierten Kirche ohne Kreuz und ohne Kerze, dafür aber mit zwei stimmungsvollen Kronleuchtern, allerdings nur Heiligabend.

Küsterin Annemarie Beuchelt bereitet den Gottesdienst vor. Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Dennoch ist das Gebäude allemal einen Besuch wert, schließlich wird es nur zu den Gottesdiensten geöffnet und man kann einen Blick riskieren. Und das ist auch nur alle 14 Tage der Fall, an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat. Am zweiten und vierten müssen die Gläubigen in die Diersfordter Schlosskirche. Das Verhältnis von Katholiken zu Protestanten in Bislich ist eindeutig: Es sind fast dreimal so viele Menschen katholisch wie evangelisch.

Die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Bislich ist nicht ganz genau nachzuvollziehen. Um 1525 war hier Kaplan Kloprys tätig, der die lutherischen Schriften kannte und von ihnen stark beeinflusst war. Das wurde hier nicht gern gesehen und so währte sein Wirken gerade mal ein halbes Jahr. Doch die Adelshäuser Schloss Diersfordt und Schloss Bellinghoven waren reformiert, so dass die Einflüsse nicht lange auf sich warten ließen.

1570 teilte ein gewisser Cornelius Peel oder Peelmann das Abendmahl unter beiderlei Gestalt aus. Später folgte Theodus Waleus. Doch das Domstift Xanten hatte ein waches Auge auf die Bislicher und versuchte alles, damit die evangelische Lehre nicht gelebt wird.

 Sie bietet Platz für 120 Personen. Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Einige Bislicher taten es trotzdem, sie bauten noch vor 1680 ihre erste Schule, wobei das Pfarramt in Diersfordt stand. Erst ab 1709 gab es dann den ersten Pfarrer in Bislich und die Abspaltung von Diersfordt: Johann Hermann Mentrop aus Wesel kam. Erst 20 Jahre später begann man mit dem Kirchenbau, Einweihung im Juni 1730. Während des Zweiten Weltkriegs fielen Bomben auf das Gotteshaus, das später aber in der ursprünglichen Form wieder aufgebaut wurde.

Heute erinnern im Eingangsbereich zwei Gedenktafeln an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege. An Karl Döhmer zum Beispiel, der am 4. März 1944 fiel, und an Wilhelm Gühnen und Friedrich Scholte-Reh, die vermisst blieben. Unter den Tafeln prangen große Lorbeerkränze, die jedes Jahr erneuert werden, wie Küsterin Annemarie Beuchelt weiß. Sie ist auch für den Blumenschmuck auf dem Altar zuständig, der für ein paar Farbtupfer in der mit viel Holz gestalteten Kirche sorgt. Im Sommer bringt sie sie aus ihrem Bergerfurther Garten mit. Nicht etwa wie einst auf dem Fahrrad, sondern für sie viel bequemer in ihrem Auto.

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